Oder Angstbewältigung der besonderen Art.

Zu allererst sei gesagt: Ich liebe Rad fahren. Nicht so sehr wie Auto fahren, aber doch schon ziemlich. Ich wäre auf dem platten Land wesentlich besser aufgehoben als hier in der hügeligen radunfreundlichen Großstadt. Allerdings wäre ich kein Dorfkind. Also brauch ich eine radfreundliche Großstadt. Möglicherweise sollte ich nach Münster ziehen. Oder Osnabrück. Oder auch nicht. 

Wie gesagt: Ich liebe Rad fahren. Ich tue es aber trotzdem nie. Oder besser: Ich habe es nie getan. 

Ich weiß grad auch nicht ob ich es schon irgendwo mal geschrieben habe – wahrscheinlich habe ich es, aber ich hab keine Lust zu suchen – aber Rad fahren ist bei mir mit sehr sehr vielen Ängsten und Schweinehunden verbunden. 

Das fing schon beim „Rad aus dem Keller tragen“ an. Jetzt steht es im Hinterhof neben den Mülltonnen und die einzige Nachbarin der ich zugetraut hätte, dass es sie stören könnte meinte heute „Da gibt es hier doch genug andere Dinge. Nein, warum sollte mich das stören.“ Nahezu entsetzt, dass ich auf die Idee gekommen bin sie zu fragen. Sehr gut. Es steht da. Es muss nicht in den Keller. Solange die Müllmänner es nicht aus Versehen mitnehmen: Alles super.

Der zweite Punkt ist: Angenehme Strecke finden. Wir sind immerhin in einer Großstadt. Durch die neu gebauten Bahntrassen ist das jetzt auch nicht mehr so schwer. Es gibt wirklich viele schöne Touren hier in der Umgebung. Allerdings muss man da erst mal hinkommen. Größtes Problem. 

Das dritte Problem: Der Kiosk. Die Menschen da. Immer präsent. Vor allem bei so gutem Wetter, bei dem man das Rad rausholt. Die lassen sich auch nicht verjagen.

Nun hat mich mein Bruder letzte Woche bei unserer ersten Tour hier zu Hause abgeholt. Heißt: Wir sind gemeinsam am Kiosk vorbei. Und gemeinsam über die Hauptstraße – wenn auch im Zickzack durch die Siedlungen – zur Bahntrasse gelangt. Ging super.

Am Samstag – als ich alleine gefahren bin, bin ich dafür fast überfahren worden. ^^ Das hat die Angst gut genährt und dass ich mich dann auf der Suche nach einem alternativen Weg rettungslos verfahren habe, hat mir auch nur bedingt geholfen. 

Hinzu kommt dann natürlich auch noch, dass ich mich auffem Rad ja noch angestarrter fühle als eh schon. So ein breiter Hintern wirkt auf einem Fahrradsattel natürlich noch mal ein kleines Stück breiter. Und wenn die Luftpumpe und das Hinterrad auch noch nicht perfekt kommunizieren und der Reifen immer latent platt wirkt, dann wirkt man noch mal so fett. Fühlt sich unglaublich gut an. 😉

Nun ist es so, dass mein Bruder sein Rad doch nicht so gut transportiert bekommt wie gedacht und jetzt lieber direkt mit dem Rad zu mir kommt. Die Bahntrasse liegt zwischen uns, wäre also schwachsinnig, wenn er erst hier hoch kommt. Heißt für mich: Scheiße, ich muss alleine fahren. 

Also was tun? Probleme minimieren.

An meinem Hintern kann ich so schnell leider nix ändern, also werde ich wohl oder übel damit klar kommen müssen, dass ich angestarrt werde. 

Der Kiosk wird sich auch nicht in Wohlgefallen auflösen. Also damit arrangieren: Ich fahre einfach in die andere Richtung. Maximaler Umweg von einem Häuserblock. Wenn überhaupt. Heißt: Die können mir zwar auf den Hintern glotzen, aber ich höre die Kommentare nicht, weil ich weit weit weg bin. 

Bleibt der Weg zum Park bzw. zur Trasse. Lässt sich auch nicht vermeiden, aber großartig anpassen. Zum Beispiel kann man einfach die Strecken fahren an denen nicht minütlich 100 Autos her fahren. Schlau, nicht? Oder man kann Bürgersteig fahren. Nicht so ganz erlaubt, aber an vielen Stellen stört es keinen. Das mit dem Bürgersteig haben mein Bruder und ich am letzten Freitag praktiziert. Ebenso ich am Samstag. Da ich an Kleinistanbul vorbei komme und da sehr sehr viele Menschen auf dem Bürgersteig stehen und reden: Eher doof. Mehr schieben als fahren. Kostet Zeit. Aufsteigen = mit dem Hintern wackeln. Total doof.

Auf dem Rückweg bin ich bisher immer einen anderen Weg gefahren. Nur einmal über die Hauptstraße, danach direkt in eine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen Siedlung. Ein wenig Zickzack… dann wahlweise auf der Straße !!! oder auf dem Bürgersteig über eine Ampel (ganz davon abhängig wann man da so auftaucht ;)) und schon ist man in einer Fahrradstraße (Ja, sowas haben wir hier auch!), fährt gerade aus in die nächste und steht vor meiner Tür. Super, oder? 

Heute bin ich dann auf die Idee gekommen, dass ich das doch auch mal auf dem Hinweg versuchen könnte. Gar nicht so abwegig eigentlich. Ich habe auch keinerlei Plan wieso ich das bisher nicht getan habe. Also bin ich durch die beiden Fahrradstraßen, habe mir kurz Gedanken dazu gemacht ob ich eine Ampel die nur bei „Auto davor“ schaltet auch dazu bewegen könnte grün zu werden und bin relativ problemlos im Park angekommen. Lediglich beim Überqueren der Hauptstraße ziehe ich nach wie vor die Fußgängerampel vor. Wird denke ich auch so bleiben.

Ich habe bis zum Park vllt. 7 oder 8 Minuten gebraucht. Fast die gleiche Zeit ging noch mal dafür drauf im Slalom durch den Park zu gurken. Meine Güte war das voll. Viele viele Leute die meinen Hintern anschauen konnten. Oder mein sicherlich knallrotes Gesicht. Die Liste derer die ich töten will steigt in diesem Park immer gigantisch. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Auch das habe ich überlebt. Und zurück bin ich auch gekommen. Über die Straße. Klar war mir mulmig. Aber ich wollte nicht mehr losheulen – so wie Samstag.

Und ich glaube: Ich werde jetzt häufiger mit dem Rad einkaufen fahren. Super, nicht? Und irgendwann fahre ich mit dem Rad zum Diner. Milchshake trinken!

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