Ein wenig wurmt es mich, dass ich erst jetzt zu dem Artikel komme, denn mittlerweile ist die 2. Sitzung auch schon rum und dann ist das mit dem drüber schreiben immer etwas schwieriger, weil man es ja vermischt und so, ne?

Und vor allem kann mein Hirn das mit dem Erinnern ja eh nicht so super. Vielleicht lasse ich das auch mit dem großartigen sinnvollen formulieren und schreib einfach ein paar zusammenhangslose Brocken. 😉

Da wären zum Beispiel die „Zwangstendenzen“ die in meinem Hinterkopf durchaus existent waren, aber die noch niemand so auch formuliert hat. Ja. Ich habe gewisse Zwänge. Die man wohlwollend auch Ticks nennen könnte und die fast alle mit einem absurden Perfektionismus zusammenhängen. Ich zähle die Bahnen beim Schwimmen und höre nur bei 0 auf. 10, 20, 30, 40. Aber wenn klar ist, dass es zeitlich nur 32 werden könnten, dann höre ich bei 30 auf. Ich brauche gescheite Absätze, zusammenhängende Sätze müssen auf eine Seite passen, statt noch ein Satz auf der nächsten Seite und so Sachen halt. Ich schreibe Notizzettel neu, wenn ich mich verschrieben habe. Briefe sowieso. Alles perfekt machen müssen. Ständiges Kontrollieren (ob ich alles dabei habe, z.B.), gerade in anspannenden Situationen. So Sachen halt… Er hat sich sein schönes Diagnosecodebuch geschnappt… ich durfte eine Liste von Aussagen mit „Ja“ und „Nein“ beantworten und Bäm!… Zwänge. Ja. Stimmt. Seitdem fällt mir ständig auf wo das überall schon präsent ist. Zum Beispiel dieser Wahn die komplette Teilnehmerliste beim Welttag des Buches durchzuklicken. Selbst wenn von Anfang an klar war, dass mich das Buch nicht interessieren wird. Aber vllt. haben sie ja noch was nachgemeldet und vllt. könnte ich was verpassen und vllt….
Er ist auch der Erste, der die Unsicherheit als soziale Phobie formuliert. Mein zweifelnder Blick wurde wieder mit dem Buch behandelt. Ja. Trifft. Okay. Er wollte mir am Ende der Sitzung eine Recherche Hausaufgabe geben. Aber weil ich zu dem Zeitpunkt gerade ohne Internet war haben wir die auf jetzt verschoben. Verbreitung, Genese, Symptomatik und Therapieform für Soziale Phobie. Das wird zeitlich sicher noch spaßig, weil ich mich da vermutlich auch im Perfektionismus verzetteln werde.

Wir fingen an eine Liste mit den Dingen zu erstellen die mir Angst machen die ich aber angehen möchte. Denn: Jede Woche mindestens eine Aufgabe. Situationsanalyse schreiben, darüber reden, neue Aufgabe suchen. Ich habe ihn in dem Moment gehasst als er meinte: „Ach wissen sie was? Schreiben sie selbst. Ich bin faul.“ Dann stand ich da am Flipchart… und musste meine Aufgaben aufschreiben. Ich hab an der Tafel stehen schon immer verflucht. Man steht so ungeschützt vorne und alle sehen einen. Seinem Grinsen entnahm ich, dass er das wusste… und Faulheit ein willkommener Grund war. Also schrieb ich: Mit Kleingeld bezahlen. Mit dem Rad zum Einkauf. Etwas umtauschen. Im Sommer einen Rock tragen. Mit dem Rad alleine zur Trasse. Auf der Straße stehen bleiben und ein Foto machen. Nach dem Weg fragen. Und der Endgegner… Und es hagelte schon überraschend viele Haken, denn einiges hatte ich die Woche über schon gemacht. Machen müssen. Weil es nicht anders ging.

„Warum klappen so viele Sachen, die ich mir normalerweise nicht mal vorstellen kann, wenn es wirklich sein muss und ich am Ende bin? Das macht doch keinen Sinn.“, fragte ich ihn. Er entgegnete, dass es logisch sei. Genauso wie an manchen Tagen alle Ressourcen aufgebraucht sind und man nicht mal mehr kochen kann, so ist man irgendwann emotional auch an einem Punkt an dem es nicht mehr schlimmer kommen kann. Und wenn alles egal ist… dann kann man auch machen. Weil die Bewertung eine ganz andere ist. „Ich hatte einen Klienten der sagte mal: Ich denke dann immer „Im schlimmsten Fall sterbe ich. Was soll passieren. Im schlimmsten Fall sterbe ich.“ Im ersten Moment erschien mir das sehr hart… aber ja. Es ist logisch. 

Er reizt mich teilweise bis aufs Blut. Ich hasse ihn minütlich, weil er quasi immer trifft. Manchmal nur in Nebensätzen. Wenn er mich besonders gut erwischt muss er grinsen. Und trotzdem ist er zu keiner Zeit übergriffig oder gemein. Und es ist und bleib ein reger Austausch und kein Vortrag. Vielleicht hab ich hier wirklich die perfekte Mischung gefunden.

Tja… und der Endgegner? Ich dumme Nuss habe „An einem Slam teilnehmen.“ aufgeschrieben. Und ich bereue es seitdem täglich. Mein halber Freundeskreis hat sich schon als Zuschauer angemeldet. Ebenso meine Betreuerin F. Sie staunen alle darüber, dass ich das wirklich aufgeschrieben habe, sind aber auch der Meinung, dass ich das kann. Ich halte mich nach wie vor für verrückt weil ich das da wirklich unauslöschlich hingeschrieben habe.

Die erste Aufgabe war dann aber: Mit dem Rad einkaufen fahren.
Und so viel sei schon mal verraten: Ich hab das auch tatsächlich gemacht.

 

Advertisements