Ich würde gerne so einen richtig guten Artikel darüber schreiben. Was passiert ist. Wie ich das finde. Was es mit mir macht. Und was ich hoffe dass es bringen wird. Aber ich bin schlecht in sowas. Verzettel mich dann im ewigen Perfektionismus, mache es am Ende gar nicht, oder erst so spät ,wenn das Thema längst durch ist. Aber vielleicht sollte ich einfach anfangen. Hauptsache es überhaupt machen.

Am 3. März gaben Jupiter Jones mit diesem Post bekannt, dass die geplante Tour ausfallen wird. Ich erfuhr es bei Twitter. Hatte selbst vorher noch überlegt nach Düsseldorf zu gehen und war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht sicher gewesen was ich tue. Sie sagten ihre Toour ab. Aber nicht einfach so, sondern ehrlich und authentisch. Angststörung. Noch am selben Tag geisterte das durch die Medien es wurde überall ein wenig angerissen und ich war dankbar. So dankbar. Dass da nichts verheimlicht wurde, sondern ehrlich mit einer psychischen Erkrankung umgegangen worden ist. Öffentlich. Denn auch wenn es nicht die Welt verändert, jedes „Outing“ ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jedes Outing wirkt dem Tabu entgegen. Jedes Outing ist gut. Ich wollte mich schon damals dazu äußern, aber ich wusste nicht wie. Wollte mich nicht in die zahllosen Facebookreaktionen einreihen – tat es am Ende trotzdem – und .. ich hatte Hoffnung. Ich bin davon ausgegangen, dass sich Nicholas erholen wird und die Festivalsaison stattfinden wird. Habe mich auf den Auftritt auf dem Deichbrand gefreut.

Vor vier oder fünf Wochen? hatte ich plötzlich den Wunsch den Jungs zu schreiben. Habe das dem lieben Ingo gesagt, mir da Rückendeckung geholt, weil ich es irgendwie auch irre finde. Einen Brief schreiben. An eine Band. Hat doch schon was von Teenie und extremen Fangirl-Dasein, oder? Aber ich fing an und… wurde nicht fertig. Alles erschien mir so falsch. Nicht richtig. Nicht treffend genug. Nicht gut genug. Das altbekannte Problem. Da ist eine Band die ich sehr gerne mag. Menschen die ich wegen ihrem Können schätze, aber nicht kenne. Und schon hab ich Angst was sie von mir halten können. Das betrifft die kleinen Bands, die großen Bands, die Slammer, die Moderatoren ;), einfach alle die irgendwas leisten was ich (noch) nicht gebacken bekommen habe. Also liegt dieser Brief hier. Auf der Liste mit den Therapieaufgaben steht: Jemandem schreiben, bei dem ich Angst vor einer Blamage habe. Seit drei Wochen überlege ich die Aufgabe als nächstes auszuwählen. Und tue es nicht.

Und jetzt? Jetzt ist es zu spät. Irgendwie. Denn vor 3 Tagen schlug die Bombe dann endgültig ein. Nicholas wird aufhören. Eine Weiterarbeit ist nicht mehr möglich. Eine Band verliert den Frontmann. Die Stimme. Eine gute Stimme. Für mich, die sehr auf Texte und Stimme fixiert ist, ist es leichter so ziemlich jedes andere Bandmitglied auszutauschen, nicht aber den Sänger, oder den Texter. Und nun ist genau das passiert. Das Statement ist so ehrlich und authentisch, dass ich am liebsten allen einzeln um den Hals fallen wollen würde. Sie sagen nicht nur „Nicholas ging es schlecht.“ Sie sagen auch „Wir haben alle darunter gelitten.“ Das ist ehrlich. So ist es nun mal. Psychische Erkrankungen sind selten eine Problematik für nur eine Person. Es sei denn man hat sich bereits gänzlich isoliert. Aber ja, das Umfeld bekommt es mit. (Sollte es auch. Das hier soll definitiv niemals ein „Versteckt euch, damit ihr niemandem zur Last fallt!“ werden.) Es ist leichter, wenn es offen kommuniziert wird, wenn das Umfeld nicht wie Ochs vorm Berg da steht und nicht nachvollziehen kann, wieso der Gegenüber gerade rückwärts aus der Kneipe herausgeht, das Telefon immer an andere weiterreicht, oder warum derjenige gerade zitternd und schweißnass in der Ecke steht oder vor und zurück wippt. Es zu wissen macht es verständlicher, aber dennoch schränkt es auch das Umfeld ein. Ich bin mir sicher, dass meine Freundinnen lieber in die volle Kneipe gehen wollen würden, als rückwärts wieder raus zu gehen. Nur weil mir beim Öffnen der Tür plötzlich schlecht wird und ich den Gedanken an die vielen Menschen nicht ertrage. Aber sie akzeptieren das dann und laufen mit mir durch die Stadt, statt irgendwo rein zu gehen. Das ist schön für mich. Aber ja, in dem Moment haben sie sich einschränken müssen. Sich meiner Einschränkung angepasst. 

Jupiter Jones werden sich nicht trennen, nicht auflösen, nicht umbenennen. Sie machen weiter. Mit einem neuen Sänger. Eine Entscheidung die ich so wie sie ist voll in Ordnung finde. Es hat bei anderen Bands funktioniert. Megaherz. Massendefekt. Die beiden die mir da als erstes einfallen. Ich wage zu behaupten, dass es im letzten Fall sogar besser ist als vorher. Hier glaube ich es nicht, aber ich freue mich trotzdem auf das Deichbrand. Und bin gespannt wie es werden wird. Sicherlich gut. Aber ich bin auch so unglaublich dankbar und froh, dass ich bei den letzten Auftritten mit Nicholas dabei war. In Köln. An zwei Abenden hintereinander.

Gestern äußerte er sich selbst dazuIch könnte den ganzen Text zitieren. Aber ihr könnt ihn auch einfach selbst lesen. Solltet ihr auch. Finde ich. Nur einen einzigen Abschnitt möchte ich dann doch kopieren. Weil er so wahr und so wichtig ist. Und ein gelungener Abschluss für diesen Text.

„Freunde, lasst Euch helfen, wenn ihr Hilfe braucht. Für Euch und Eure Lieben. Es ist nichts normaler, als nicht normal zu sein.“


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