Es gibt sie. Diese Ärzte, die sich freuen, wenn der Patient mitdenkt. Die einen loben für die Eigenreflektion und die Intelligenz. So sehr, dass man sich manchmal fragt, wieso das so betont werden muss. Doch vielleicht ist es so, dass es wirklich eine Seltenheit ist. Dass es nicht normal ist sich damit zu beschäftigen welche Medikamente man gerade nimmt und dass man mehr sagen kann als „Die sind in ner blau-weißen Packung. Und weiß. Rund. Mit Rille.“  Vielleicht ist es unnormal zu wissen, welches Schmerzmittel welche Nebenwirkung hat. Oder gar einen Zusammenhang zwischen Pille und Depression ziehen zu können. Weil man sich da halt mal mit beschäftigt hat. Die meisten Ärzte sind erstaunt, wenn ich meine diversen medizinischen (Verdachts-)Diagnosen herunterbeten kann ohne auf einen Spickzettel zu gucken. Wenn ich weiß welcher Arzt was gesagt hat, was wo vermutet wird und weswegen ich eigentlich jetzt gerade ins MRT soll. Selbst wenn man das auf der Überweisung mal wieder nicht richtig deutlich gemacht hat.

Ich für meinen Teil habe aber nicht vor mir von Ärzten einen Behandlungsplan diktieren zu lassen. Unwissend einfach nur zu folgen und bei jedem Termin – egal wo – zu sitzen und mich überraschen zu lassen was passiert. Ich weiß gerne Bescheid was passiert und was vermutet wird. Natürlich ist mir bewusst, dass es nicht immer so erfreulich ist Verdachtsdiagnosen zu googeln. Ich weiß, dass es Angst machen kann. Spätestens seitdem der MS-Verdacht im Raum hing. Mir ist bewusst, dass man sich da hinein steigern kann, aber wie bei allem kommt es doch auf den guten Mittelweg an, oder?

So würde ich gerne weiter informiert bleiben, trotzdem und gerade deshalb meinen Ärzten aufmerksam zuhören und wenn sie für mich schlüssige Dinge von sich geben, folge ich auch gerne ihrem Rat. Ich bin da flexibel. Ich weiche auch von meinem Standpunkt ab, wenn mir der Arzt – der das nun mal studiert hat, was sicherlich besser ist als Wikipedia – mir sagt, dass es sinnvoll wäre jetzt wirklich diese Reha anzugehen, auch wenn ich eigentlich glaube, dass ich zu Hause besser aufgehoben bin. Aber man kann es im Hinterkopf behalten. Als Option. Vorher den Rehasport ins Auge fassen und dann sehen ob es besser wird. Wie gesagt. Ich bin da flexibel. Wenn es hilft denke ich drüber nach, wäge Pro und Contra ab und entscheide mich.

Das war auch damals so. Als ich vor 2 Jahren entschied die Psychopharmaka abzusetzen, weil ich a) hätte umstellen müssen und b) keine Wirkung mehr auffinden konnte. Meine damalige Psychiaterin lobte mich für meine eigenständige Entscheidung, sagte sie würde mir das als mündige Patientin! zutrauen die Tabletten selbst aus zu schleichen und damit war das Thema für sie durch. Das war im Januar 2012. Das ist fast 2,5 Jahre her. Seitdem geht es mir nicht schlechter. Absolut nicht. Im Gegenteil. Durch die Betreuung geht es stetig vorwärts. Langsam, aber vorwärts. Genauso wie ich jetzt scheinbar endlich den richtigen Therapeuten gefunden habe. Mir ging es längst nicht mehr so schlecht wie damals Ende 2009 als ich mich in die Klinik eingewiesen habe. Damals als mir bewusst war, dass meine Hirnchemie die Unterstützung braucht und Medikamente sinnvoll sind. Ich habe sie genommen. Als es mir richtig erschien. ich habe damit aufgehört, als ich es nicht mehr für nötig hielt. Natürlich geht es mir auch noch schlecht. Letzte Woche zum Beispiel war hart. Sehr, sehr hart. Aber man sagte mir auch mal „Sie werden immer Auf und Abs in ihrem Leben haben. Vermutlich mehr und stärker als andere. Aber irgendwann werden diese kürzer. Und es wird leichter da heraus zu kommen.“ Und genau so ist es. Ich bin heute immer noch müde. Aber das Wochenende hat gut getan. Und vielleicht bin ich heute gar nicht depressiv-müde, sondern einfach nur „sicher am Wochenende insgesamt 15km gelaufen“-müde. Das halte ich für wahrscheinlich. Zumal ich aus medizinischen Gründen – mit dem Arzt abgesprochen – 2 Wochen lang die Pille 2x pro Tag nehmen musste. Das kann depressionsfördernd wirken. Hat es vermutlich zusammen mit dem grauen Wetter auch getan. Aber mich als intelligenten, mündigen Patienten zeichnet aus, dass ich sofern es mir jetzt nach Reduzierung der Pille nicht besser geht, zum Arzt gehe und mit ihm darüber rede, dass unser Plan nicht funktioniert hat und wir einen neuen brauchen. Wir. Gemeinsam. Einen neuen Plan. Für mich mitdenkende Patientin.

Auch wenn viele Ärzte erst mal irritiert sind, wenn der Gegenüber mitdenken kann (Ich finde das übrigens sehr, sehr schade, wenn man es als Patient gar nicht versucht… und einfach nur kittelhörig ist…) , die meisten können sich darauf einstellen. Sind flexibel und nicht wenige freuen sich wie gesagt darüber.

Doch dann gibt es auch die anderen. (Nach langer Vorrede kommen wir endlich zum eigentlichen Grund für diesen Artikel.) Meine jetzt ehemalige Neurologin zum Beispiel. Die vor nicht mal 2 Stunden sinngemäß sagte, dass sie nicht bereit ist mich zu behandeln und krank zu schreiben, wenn ich keine Psychopharmaka nehme. Es ist ihr gutes Recht das zu sagen. Genauso wie ein Allgemeinmediziner sagen könnte „Ich kann ihnen nicht helfen, wenn sie nur Zuckerperlen futtern wollen.“ So kann sie auch sagen: „Ich kann ihnen nicht helfen, wenn sie nicht dem folgen was ich kann.“  (Zumal der Krankenschein einfach nur eine Erleichterung fürs Amt gewesen wäre und ich wirklich absolut nachvollziehen kann, dass sie das unter den Umständen nicht machen will.) Meine Antwort drauf war ein „Ich möchte keine Medikamente mehr nehmen. Wir werden uns dann wohl nicht einig.“ – „Das werden wir dann wohl nicht.“ Und damit hätte das Gespräch beendet sein können. Wir wären auseinander gegangen und alle wären zufrieden gewesen. Ich hätte einfach eine Mail ans Amt geschrieben (was ich jetzt sowieso muss) und wäre eben ohne Krankenschein nach Hause. Wäre okay gewesen. Es war aber nicht zu Ende. Sie wurde im weiteren Verlauf laut. Vergriff sich in Worten und Ton. Deutlich. Aber mir fällt es unglaublich schwer diese Absurdität ihrer Aussagen zu verdeutlichen. Ihren Sprachgebrauch und Unterton irgendwie deutlich machen zu können. Aber in meinen Augen war alles was sie sagte abschätzig und belächelnd. Sie sprach von falschen Behandlungen die dazu geführt haben, dass es mit mir nicht weitergeht. „Ja warum zum Himmel nehmen sie denn dann keine Medikamente?“ Laut. Lachend. Meine Erklärung ließ sie nicht gelten. Mein „Sie wissen einen Bruchteil von mir. Sie können das jetzt nicht beurteilen.“ wischte sie mit einer Handbewegung weg. Ich erkläre ihr so ausführlich wie sie mich ausreden ließ – also nicht sehr – dass ich es damals für richtig hielt Medikamente (zusammen mit Therapie) als Starthilfe zu nehmen, dass sie aber jetzt nicht mehr helfen könnten. Sie vermittelte mir mehr oder weniger deutlich, dass sie meine Therapie zum Scheitern verurteilt, wenn ich nicht auch Medikamente nehme. Meine Ausführungen darüber, dass ich weiß welche Komponenten bei meiner Erkrankung zur Heilung führen, konnte ich gar nicht erst beginnen. Ich kam nicht dazu ihr zu sagen, dass ich mich nicht dämpfen möchte, dass ich aus mir selbst heraus funktionieren möchte und das für mich der richtige Weg über Therapie und Betreuung, Rehasport + Ernährung, Schmerzlinderung und stationäre Reha geht. Nicht über Tabletten. Sie hat zu keiner Zeit sehen wollen, dass ich darüber nachgedacht habe, dass es keine „Ich will einfach nicht.“- Einstellung ist sondern eine wohl durchdachte. Sie hat mich einfach nicht für voll genommen, stand irgendwann einfach auf und öffnete die Tür.

Meine Erinnerung an den Bericht für den Orthopäden für den sie bereits ein halbes Jahr Zeit hatte kommentierte sie mit einem „Kann er haben.“ Ich hoffe nur er bekommt ihn auch bald. Nächste Woche werde ich vllt. mal anrufen und nachfragen. Und meine Akte anfordern.

Ich habe – das kann ich definitiv so sagen – mal wieder! alles richtig gemacht. Mir nicht reinreden lassen, mich nicht in eine Richtung schieben lassen die ich nicht will. Ich bin für mich eingestanden und habe an dem festgehalten was ich glaube und was sich in den letzten 2,5 Jahren als richtig erwiesen hat. Mir ginge es mit Medikamenten nicht besser. So wie es mir ohne nicht schlechter geht. Dennoch hat sie einen kleinen Stachel mit dem Namen „Unsicherheit“ in mein Hirn gepflanzt. Genauso wie der merkwürdige erste Therapeut. Habe ich wirklich Recht? Oder glaube ich nur Recht zu haben und bin eigentlich viel gestörter als ich wahrhaben will?

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