Fest vorgenommen alle Sitzungen der Verlängerung festzuhalten. Und es wieder nicht geschafft. Also versuche ich das jetzt irgendwie ein wenig zu rekonstruieren… Habe mir den Artikel vom 04.11. noch mal durchgelesen und nach Tweets vom 11.11. gesucht.

Wir reden über mein Tagesprotokoll. Ich bin damit unzufrieden. Er bescheinigt mir, dass es ein ganz normales ist. Wie bei anderen Menschen auch. Ich bin keine faule Versagerin und mache genug. Er bemängelt allerdings, dass ich zu lange schlafe, zu viel TV schaue und zu viel zocke. Und ständig alles gleichzeitig mache. „Sie brauchen viele und starke Reize um sich selbst zu ertragen.“

Ja. Brauche ich. Ich ertrage keine Stille. Ich ertrage es nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein und überblende sie. Immer. „Direkt wieder die Knöpfe ins Ohr?“, fragt er als ich gehe. Sicher. Aber dummerweise höre ich mich trotzdem. Und gerade bei Musik höre ich mich fast noch lauter. Erinnere mich an dies und jenes. Da blende ich nicht mich aus. Sondern die anderen. Die vielen, anstrengenden Menschen.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Ich sitze da und erzähle ihm wie anstrengend das alles ist… Er lacht. Macht sich Notizen. „Ich hab schlechte Nachrichten für sie.“ – „Bitte?“ – „Klientin beschreibt den Alltag einer normalen Erwachsenen.“ – „Find ich aber scheiße.“ Gelächter. Ich bin mir nicht sicher ob ich das so möchte. Ob ich dafür geeignet bin. Unabhängig davon dass ich alles viel anstrengender finde als andere und unabhängig davon, dass mein Energiehaushalt nun mal nicht so viel hergibt. Ich weiß nicht, ob ich das so möchte. Ob ich ein Leben möchte in dem ich funktioniere, aber fertig bin, weil ich müde und ausgelaugt bin. Ob ich ein Leben möchte in dem ich meinen Job perfekt mache, aber vom Leben nichts mehr übrig bleibt. „Es ist klar, dass sie sich nicht gut mit dem Funktionieren fühlen, wenn sie keinen Lebensinn haben. Wenn sie keinen Grund haben für den sie das tun.“ Aber wo soll der her kommen?

„Bei Ihnen denke ich nicht „Oh, ist die Woche schon wieder rum.“ – „Fasse ich als Kompliment auf.“ Gelächter. Wir reden über einen Bekannten von mir, der sich Feedback gewünscht hat. Um mit seiner Therapeutin an den Dingen arbeiten zu können die alle in den Wahnsinn treiben. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht geantwortet, obwohl ich wollte. Und obwohl er es gewünscht hat, habe ich mich schwer damit getan ihm zu sagen, was mich alles an ihm nervt. Also schreibt der weltbeste „Jemanden sagen, dass er scheiße ist.“ auf mein To-Do-Liste. Eine Liste auf der schon mehr abgehakt und durchgestrichen als unerfüllt ist. Wie mir an diesem Tag das erste Mal auffällt… Ich erzähle noch ein wenig und rede über #notjustsad. Erzähle, dass ich das großartig finde, aber auch dass ich das nicht mehr ertrage. Dass ich vieles nicht mehr nachvollziehen kann. Bei vielen Dingen denke, dass ich weiß wie es ist, aber es mich nicht mehr traurig macht, wenn es jemand anderem, fremden so geht. Er steht wieder auf und notiert „Sich von anderen Depressionen abgrenzen“ und streicht es direkt wieder durch. Ebenso wie „Achtsamkeit“, denn ich habe schon das Gefühl in letzter Zeit mehr auf mich zu achten. Verabredungen absagen, Wochenenden freihalten, damit ich unter der Woche machen kann was ich muss. Es macht mich nicht glücklich, aber es ist gesund. Oder so. Auch „Di – Do funktionieren“ steht da nun. Als Erfolg. Es fühlt sich nicht so an, aber es sorgt dafür, dass es mehr Erfolge als Niederlagen sind. Also akzeptiere ich das so. Irgendwie.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Ich bin müde. Immer noch. Schon wieder. Durchgehend. Ich berichte vom schlechten Einschlafen, vom Baldriankonsum, vom Herzrasen und diesen wirklich nervigen, aufwühlenden, anstrengenden Träumen. Ich bin so müde wie ich es sonst nur in schwerster Depression und kurz vor der Einweisung kenne. „Sind sie depressiv oder einfach nur erschöpft?“ – „Beides? Ich bin auch.. traurig.“ Und es ist grau und dumpf und mein Hirn arbeitet langsam, wenn überhaupt. Ich erzähle vom vorherigen Tag, an dem ich 7 Stunden gebraucht habe um wach zu werden. 7 Stunden bis ich das Gefühl hatte, dass mein Kopf zu vollständigen Sätzen und abstrakteren Handlungen fähig ist. „Sie hätten in der Zeit aber doch spülen können. Oder ähnliches.“ Ja. Vermutlich hätte ich das. Wenn ich mich nicht so bleischwer fühlen würde und das Kochen nicht so anstrengend gewesen wäre und Wäsche hab ich ja auch gewaschen und aufgehangen, aber sonst hab ich halt nichts hinbekommen und ich bin einfach nur… müde.
„Das mit der Einweisung verstehe ich. Das ist ja quasi ihre Art von Urlaub. Raus aus allem. Sollten Sie vielleicht noch mal in Erwägung ziehen. Andere Klinik. Psychosomatik oder ähnliches.“ – „Aber ob der Schuss dann nicht nach hinten losgehen würden? Wenn ich aus allem raus bin und danach wieder rein finden muss…“ Ich berichte, dass ich mal gegoogelt habe, was es so für relevante Rehakliniken in relevanten Gebieten gibt. Und es dann wieder verworfen habe. Insgesamt bin ich aber einfach nur müde. So müde, dass mir zusammenhängende Sätze schwer fallen. So müde, dass der Therapeut selbst irgendwann anfängt zu gähnen.

Er wirkt erstaunt als ich sage, dass ich den Punkt mit dem „jemanden sagen, dass er scheiße ist“ erledigt habe. Hat er mir wohl nicht zugetraut. Dafür hat er irgendwann in den letzten 3 Sitzungen gesagt, dass er bei mir sieht, dass etwas passiert. Dass es nicht stagniert. Und mein erster Impuls: Er sieht mehr als ich.

Doch wenn ich dann so nachdenke, während ich durch die Straße laufe, mit Knöpfe in den Ohren, dann fällt mir auch auf, dass meine Hose bunt ist. Und ich nicht darüber nachdenke ob sie zu bunt ist und ich damit auffalle. Dann fällt mir auf, dass ich Mütze trage, wenn ich das will und nicht wenn ich mich besonders mutig fühlt. Oder dass ich letztens jemanden darauf hingewiesen habe, dass sein Rucksack offen ist. Ich bekomme im Bus nicht mehr Panik, wenn ich am Fenster sitze und aussteigen muss. Stelle mich nicht 5 Haltestellen vorher schon an die Tür. Ich lasse mich nicht von jeder Kleinigkeit von meinen Plänen abhalten. (Nur noch wenn sie gehäuft auftauchen… und natürlich wenn es zu viele Baustellen und Hemmschwellen gibt..) Es gibt das ein oder andere. Aber der große Sinn fehlt. Und ich finde ihn nicht. Und vor allem verschwende ich noch viel zu viel Zeit mit Mist. Und so drehen wir uns den Rest der Sitzung im Kreis. Zwischen Müdigkeit und Antrieb, Lebensziel und Motivation … und ich gehe müde raus… um danach ne Menge zu erledigen und erst um 21 Uhr wieder zu Hause zu sein.

Advertisements