„Ich weiß nicht mehr worüber wir letzte Woche gesprochen haben.“ Er steht auf, geht zum PC und liest mir die Dokumentation vor. „Zusammenbruch vor 5 Tagen, nach „Streit“ keine Nachricht von langjährigen Freund, Klientin löst sich davon ohne schlechtes Gewissen oder das Bedürfnis nach Bettelei, Schimmel/Hausverwaltung/Problematik“ – „Ach ja… das. Er hat immer noch nicht geschrieben. Ich habe immer noch nicht gebettelt. Werde ich wohl auch nicht. Wir haben diese Woche 2 Betreuungstermine. Um das dann jetzt langsam angehen zu können.“ Kein Wort über den Zusammenbruch. Als wäre er nicht da gewesen und irgendwie fühlt es sich auch so an als wäre er nicht da gewesen. Da ist das System einmal komplett runter gefahren, ich hab mich mit Promethazin abgeschossen, habe geschlafen, bin zum Spieletag und habe funktioniert. Funktioniere seitdem.

„Ich funktioniere gut.“, berichte ich ihm. „Ich kann Listen schreiben ohne sie zu korrigieren, die dürfen auch mal scheiße aussehen. Ich kann im Moment ganz gut wegwerfen. Ich mache regelmäßig Sport (Hier folgt eine längere Diskussion darüber, dass man nur abnehmen kann, wenn man die Kalorienzufuhr radikal! reduziert… eine einfach Umstellung/Neuverteilung etc. würde nicht reichen, wir einigen uns drauf in 6 Wochen noch mal drüber zu reden. Motivation, Motivation.) und folge meinen Terminen. Ich hab meinen Kühlschrank geputzt. Mir ist der Wassereimer umgefallen, die Katze hat ihn noch mal umgeworfen und ich habe trotzdem weiter gemacht. Mir ist gestern Butter in der Mikrowelle explodiert und der Kuchen wurde trotzdem fertig.“ Immer mal wieder fällt mir etwas ein und er notiert sich was. Dazwischen reden wir über Bücher („Die Erik Axl Sund, die Sie mir empfohlen haben, haben 30! Vormerkungen in der Bibliothek!“ – „Sehen Sie mal wie gut die sind.“), Serien („Kennen Sie „Schuld“ von Ferdinand von Schirach? Das ZDF hat die Geschichten mit Moritz Bleibtreu verfilmt. Großartig! Wirklich großartig.“ // „Haben Sie schon mal Tatortreiniger gesehen? Die eine bestimmte Folge XY?“) und Filme („Sie sollten sich den Tatortreiniger Folge XY anschauen und „Italienisch für Anfänger“ und dann mal sehen was das mit Ihnen macht.“). Sicher 50% der Zeit gehen heute für diese Gespräche drauf. 10% schweigen wir.

Ein wenig reden wir über den Bibliothekar, den ich mal zum Tee einladen soll, der mir letzte Woche quasi eine Vorlage gegeben hat (oder nur nett sein wollte?) und dem ich nur brabbelnd antworten konnte, weil ich meinen Therapeuten im Kopf hatte, der meinte „Los, verabreden sie sich!“. Aber vermutlich hätte ich auch sonst gebrabbelt. Kennt man ja.

Die Zeit ist fast vorbei. „Und nun?“, frage ich. „Sagen Sie es mir. Was denken Sie denn?“, fragt er mit dem Terminzettel auf dem Schoß. „Ich weiß es nicht.“ Wir schweigen. Mein Termin ist längst vorbei. „Ich weiß worauf sie hinaus wollen. Wir reden nur noch über Bücher und ich erzähle was alles funktioniert und sie wollen die Abstände verlängern…“ – „Sie kommen her und erzählen von ihren Fortschritten und davon, dass sie die zwar wahrnehmen, aber nicht rational erkennen und auch nicht fühlen können. Sie fragen: Kommt das irgendwann? und ich sage „Ja.“. Am Anfang hat mein Negativer-Emotionsdetektor ständig ausgeschlagen. Das tut er jetzt nicht mehr ganz so oft.“ – „Ich seh das ja… aber ich sehe auch mein einsames Rad im Hof, welches vermutlich so durchgerostet ist, dass ich es bald in die Tonne packen kann die da vor steht und wenn ich ans Fahren oder an die Hausverwaltung denke, dann wird mir schlecht.“ – „Dann kommen Sie nächste Woche wieder.“

Es folgt ein „Sind sie nach Rosenmontag zu durch für Therapie?“-Gespräch  und eine kleine Abhandlung über Kontrollverlust unter Alkohol. Hatte ich nie. Leider. Wäre ne gute Möglichkeit gewesen. Aber nein. Nicht mal wirklich hacke dicht habe ich irgendeinen Scheiß gebaut. Chance vertan, mit 30 kommt das irgendwie blöd.

Ich geh in die Bibliothek, muss eine Stunde rum bekommen und vergesse wieder zu schauen, ob der Bibliothekar einen Ring trägt.

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