Ich bin mir nicht mehr sicher ob die Zählung stimmt. Vielleicht sind wir auch erst bei der 35. Sitzung. Er sagte gestern was von „Wir haben jetzt noch 10, aber ich werde verlängern.“ Was ja jetzt nicht wirklich eine Überraschung ist. Aber vllt. hat er die von gestern auch noch nicht gezählt, weil sie noch nicht dokumentiert war. Wie auch immer.

Es ist für mich immer wieder erschreckend wie wenig ich mich an eine Sitzung erinnere, wenn sie so wie jetzt gerade mal 24 Stunden her ist. Oder wie weggeblasen die Erinnerungen sind, wenn ich mich hinsetze und drüber schreiben möchte. Gerade wusste ich noch worum es ging.

Wie so häufig fing ich nach kurzem Schweigen mit „Ich bin müde.“ an. „Ist mal was ganz Neues, nicht wahr?“, sagte ich grinsend und er grinste zurück: „Nicht wirklich. Ich frage mich ja, ob sie müde sind oder erschöpft.“ – „Mhm… erschöpft.“ Und dann rede ich von der Woche die mir bevorsteht und davon, dass es jeden Tag 5-6 Stunden Pflichtprogramm sind (incl. Bahnfahrerei) und dass mich allein der Gedanke daran müde und genervt macht und … dass ich auch von den RuhrTopCard-Aktionen genervt bin. Weil sie so verpflichtend sind und weil damit jeder Sonntag verplant ist und ich das einfach so nicht kann und mir die Zeit für mich fehlt.

„Gestern war schön. Da war ich einfach zu Hause und habe nichts gemacht. Also nicht, nichts. Ich habe gekocht und geschrieben (3 Artikel für den Buchblog) und sogar Sport. Aber ich musste nicht raus. Das war toll.“

Ich redete über die Dechenhöhle (Programm vom letzten Sonntag) und wie genervt ich davon war (unerzogene Kinder in Masse) und wie sehr es mich angekotzt hat, dass ich gesagt habe „Ich möchte um 16 Uhr zu Hause sein.“ Und es dann nicht geklappt hat. Obwohl man mir versichert hat das es so ist. Und ja, es ging nur um ein wenig TV-Programm, aber ich wollte das sehen. Und habe mich echt in rage geredet und landete bei einem anderen Problem. Die Terminfindung für den Spieletag. Die immer noch / schon wieder an mir hängt und bei der man es niemandem recht machen kann. Hakt man nach ein paar Wochen nach, bekommt man blöde Kommentare, hakt man nicht nach, bekommt man auch blöde Kommentare. Und ich würde dann immer wieder gerne sagen: „Macht euren Scheiß alleine!“, aber dann wird es vermutlich einfach gar keinen Spieletag mehr geben.

Er fängt an zu grinsen, und erzählt was von „Minimieren“ und „Maximieren“. „Ihre Erfolge reden sie so runter, aber von so Kleinigkeiten lassen sie sich alle tollen Erlebnisse runter machen, weil sie sie so in den Mittelpunkt stellen.“ – „Aber, wenn nicht mal die schönen Sachen einfach laufen. Wenn selbst die anstrengend sind… womit soll ich denn dann ausgleichen?“

Wir reden über Perfektionismus. Darüber das die Freizeitaktivitäten gefälligst 100% laufen müssen, weil sie sonst mies sind. Und irgendwann sitzen die Tränen so locker und ich weiß jetzt in diesem Moment hier, einfach nicht mehr wieso. Weiß nur, dass es mich mürbe macht nicht zu den Dingen zu kommen die ich mir vornehme, weil da nie die Zeit ist die ich gerne hätte. Weiß nur, dass ich mir Urlaub wünsche. Dass ich einfach mal eine Woche nur für mich haben möchte um vllt. etwas aufzuholen von den Dingen die ich mir vornehme. Ich fühle all die Sachen die funktionieren nicht, weil die Liste der Dinge die nicht funktionieren so groß ist. 

„Ich möchte jetzt am liebsten ins Bett und heulen. Ich hab nicht mal Lust schwimmen zu gehen, obwohl das total absurd ist, weil schwimmen doch das einzige ist was ich immer will.“ – „Und wenn sie nicht hingehen, fühlen sie sich wieder wie eine Versagerin. Was ist mit im Bus heulen? Auf dem Weg zum Schwimmen?“ – „Sicher. Kann ich auch. (Kann ich wirklich.) Aber das ändert ja nix an den Menschen im Schwimmbad. Zu Hause würde ich heulen, aber da wären keine weiteren Reize die das triggern könnten…. “ Sieht er zwar ein, aber zufrieden ist er mit der Lösung nicht. „Wenn sie erst mal 1-2 Bahnen geschwommen sind… “ – „Ja, ich weiß.“

Es folgt Stille. Viel Stille. Ich ringe und kämpfe mit mir. Verschlucke mich fast an Gedanken, möchte sie ignorieren, die Frage nicht stellen und weiß trotzdem, dass ich sie stellen muss, weil ich sie sonst nie wieder vergesse und über Wochen und Monate mit mir rumschleppe.

„Was bringt das gerade hier? Was bringt es hier zu erzählen und zu jammern? Warum tu ich das? Wofür?“ Er fängt wieder von „Minimieren“ und „Maximieren“ an. „Aber das weiß ich doch…“ – „Dann muss man Ihnen das offensichtlich 100x sagen.“ Hmpf. Ja. Vielleicht.

Am Ende der Sitzung heule ich. Was ein besonders gutes Timing ist, wenn man bedenkt, dass ich ja gleich Bus fahren muss. Überhaupt Timing: „Ich hab ein schlechtes Gewissen, weil der Handwerker immer dann klingelt, wenn sie da sind.“ Murphy hat halt Humor.

„Mir fallen jetzt noch 100 andere Dinge ein über die ich mich aufregen könnte.“ Und die mich weiter heulen lassen würden. Er ist von meinen Tränen begeistert. Ich jetzt nicht so. „Wissen sie, ich hab Klienten die sind so weit von ihren eigenen Gefühlen entfernt, dass da Monate für drauf gehen, bis man mal dazu durchdringt. Sie sind so im Gefühl, dass wir uns die Zeit sparen können. Deshalb haben Sie auch so viel bessere Heilungschancen.“

Heilungschancen. Heilung. Allein beim drüber Nachdenken heule ich direkt wieder. Beim drüber twittern. Beim Feststellen, dass meine Autokorrektur aus „heulen“ ganz automatisch „heilen“ macht fange ich an hysterisch zu kichern. Innerlich, weil dann doch zu viele Menschen um mich herum sind.

Ich fahre also schwimmen, lass mir wie ein Profi Geld wechseln, genieße das fast leere Becken und gebe achtsam nach 18 Bahnen auf, weil ich zu erfrieren drohe.

Aber an Heilung glaube ich trotzdem nicht.

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