Keine halbe Stunde hat der Termin im Amt gedauert, bei dem das „ärztliche Gutachten eröffnet“ wurde und die nette, überaus kompetente *hust* Mitarbeiterin bedauerte, dass genau das eingetroffen ist was wir befürchtet hätten. Ich wäre nach wie vor arbeitsunfähig. Aber nicht so wirklich, denn es würde ja Hoffnung bestehen, dass ich in einem halben Jahr wieder arbeitsfähig wäre.

Mehrfach habe ich mir das Lachen verkniffen. Bedauern? Befürchten? Also meine Befürchtungen sahen anders aus. Nämlich so, dass man mich zeitnah in irgendeine sinnlose Maßnahme stecken wollen würde, nur damit man mich in eine Maßnahme gesteckt hat. Ich bedaure hier gerade wenig und zu befürchten habe ich auch nichts. 

In einem halben Jahr wieder arbeitsfähig sein? Aber klar doch. Nachdem ich jetzt über 8 Jahre weder richtig studier- noch langfristig arbeitsfähig bin ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in 6 Monaten aufspringe und sage „Bitte gebt mir Arbeit! Egal welche! Ich mache alles! 40 Stunden in der Woche! Mit Links!“ unfassbar groß.

Man würde eine weitere ärztliche Begutachtung in Erwägung ziehen, wenn meine medizinische Rehabilitation (also meine Therapie) abgeschlossen wäre und dann könnte ich ja auch sicher arbeiten. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht ihr zu erklären, dass ein Therapieende nicht automatisch auch „geheilt“ bedeutet. Das wäre mir zu anstrengend gewesen und überhaupt habe ich das Thema selbst ja noch gar nicht zu Ende gedacht…

„Oh Gott… wir haben ja noch 10 Sitzungen offen.“, sagte der weltbeste Therapeuten beim letzten Termin vor 4 Wochen. „Da müssen wir aber dann was verfallen lassen.“, denn seiner Meinung nach müsste ich jetzt langsam ohne ihn lebensfähig sein. Ja, gut. Lebensfähig vielleicht. Aber arbeitsfähig? Haben wir jetzt in den bald 2 Jahren Therapie dann nicht vielleicht gerade mal die Grundlage für ein entspanntes Rentendasein geschaffen? Also ein „Ich komm mit meinem Haushalt klar, Papierkram, Ämter, Ärzte und die Menschen allgemein machen mir nicht mehr wirklich Angst und eigentlich ist alles gerade so halb okay, denn immerhin schlafe ich meistens durch und bin die meiste Zeit durchaus angstfrei…“. Aber kein „Ich kann jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit aufstehen, einer geregelten Tätigkeit nachgehen und dabei auch noch meinen Haushalt machen, während ich genug Energie für so ein ganzes, komplettes Leben aufbringen kann.“  Meine Fresse… es gibt Wochen (die letzten zum Beispiel) da schaffe ich es nicht mal regelmäßig zu essen und zu trinken. Aber arbeiten?

Denn ehrlich… selbst wenn ich jetzt wirklich langsam begreife und sehe was sich so getan hat.. (Gestern habe ich auf einen AB gesprochen. Ich hatte keine andere Wahl, aber es tat nicht mal weh!) … es ist weit weg von fertig. (Um mal das neue Album von „von Brücken“ zu zitieren…) Es ist eine schöne Basis. Eine Grundlage. Ein Anfang. Es ist aber kein „arbeitsfähig.“

Irgendwann in den nächsten Monaten wird die Therapie enden. Aber was ist dann? Was passiert mit mir? Wie geht es weiter? Bald darauf wird die Frage auftauchen ob die Betreuung verlängert wird und wenn ja… wofür? Was soll das Ziel sein?

Ist es realistisch dass ich mit meinen 31 Jahren irgendwann vielleicht doch noch ganz normal auf dem 1. Arbeitsmarkt arbeite? Ehrlich? Ist es das? So ohne Ausbildung und vor allem gänzlich ohne Idee? „Irgendwas mit Büchern“ wäre super… aber darüber hinaus liefert mir mein Hirn nur sehr viele „aber“…

Ich werde immer fragil bleiben. Nie ein Fels in der Brandung werden. Und das ist okay.

Aber gewinne ich damit etwas, wenn ich arbeite? Also abgesehen von der kleinen aber feinen Sicherheit, dass ich vielleicht Geld zur Seite legen kann um mir eine neue Waschmaschine zu kaufen? Abgesehen von „mal nen Wochenende wegfahren können ohne langes rechnen“… und ist es das wert? Ist das (irgendwann) das Risiko wert dieses fragile Gebilde von „Lebensfähigkeit“ ins Wanken zu bringen… oder sollte ich mich in dem Hier und Jetzt einfach häuslich einrichten… und damit zufrieden sein, dass ich nie finanziell unabhängig, aber zumindest… entspannter und angstfreier sein werde? Gibt es in diesem Rahmen die Möglichkeit mich trotzdem irgendwie nützlich und wertvoll zu fühlen? Oder wäre die aus „nein, ich möchte das nicht“ raus resultierende Rente eine Einbahnstraße mit Sackgasse… in der ich mich immer nutzlos fühlen würde und aus der ich nicht mehr raus käme?

Noch 10 Therapiesitzungen. 11 Monate Betreuung. Und dann?

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