„Sie müssen einfach weiter durchhalten.“ beendet die (neue) Psychiaterin (die alte hat die Praxis verlassen und sie ist jetzt alleine da…) das Gespräch. „Wenn ich was für sie tun kann, sagen sie mir das jederzeit.“ – „Ich würde gerne wieder entspannter schlafen.“

Also verlasse ich die Praxis mit einem Rezept Opipramol-Neuraxpharm. Kein Schlaf- oder Beruhigungsmittel im eigentlichen Sinne. Sondern auch ein Antidepressivum. Ich war jetzt 4 Jahre clean. Ich war sehr stolz darauf clean zu sein. Ich wollte nie wieder Tabletten nehmen müssen. Aber ich wollte einfach mal wieder schlafen ohne morgens aufzuwachen als hätte ich mich die ganze Nacht krampfhaft zusammengerollt.

„Sie müssen einfach weiter durchhalten.“ Würde ich gerne. Wirklich. Ich würde gerne durchhalten und dann in ein paar Wochen feststellen, dass sich das Durchhalten gelohnt hat. Dass es sich gelohnt hat stark zu sein und dass ich irgendeinen Nutzen daraus gezogen habe mich nicht wimmernd ins Bett einzurollen, bis ich mit der Matratze verschmelze.

Aber ich verliere den Glauben daran. Ich verliere den Glauben daran, dass irgendwas (!) gut für mich ausgeht. Dass irgendwas funktioniert.

Schadens- und Katastrophenmeldungen der letzten 2,5 Wochen:

Eine gerissene Hose auf einer Veranstaltung. (Zum Glück mit Strumpfhose drunter. Es war die Hose bei der ich zuletzt damit gerechnet habe… es gab ältere, kaputtere.)

Am selben Abend reiße ich mir mit einem Armband ein Loch in mein Lieblingsshirt. (Es ist nicht alt.)

Am darauffolgenden Tag liegt morgens nach dem aufstehen meine Lieblingstasse zerschmettert auf dem Boden. (Die Katzen waren es.)

Ich stelle Nachts fest, dass mein Bücherregal durchgeschimmelt ist. (Das einzige neu gekaufte. Keine 2 Jahre alt. Der Rest der Regale ist 15 Jahre alt und/oder gebraucht gekauft.)

11 Bücher haben es nicht überlebt. (Nicht direkt Lieblingsbücher, aber ich habe sie mühsam zusammengekauft.. der nostalgische Wert ist nicht zu verachten…)

Beim Müll in die Tonne werfen, verhake ich mich im Kopfhörerkabel. Der Ipod fliegt mit in die Tonne. Ich kann ihn zum Glück retten.

Mein mühsam von mir zurecht geflickter Mantel reißt an einer anderen Stelle wieder ein. Ich seh damit aus als hätte ich ihn aus nem Container gefischt, habe aber keinen anderen. Die verbliebenen Hosen passen farblich nicht zur Jacke, es sei denn ich möchte Papagei werden.

Beim Müllsack mit Katzenstreu runterbringen verteilt sich das Streu im Hausflur.

Ein nur ein einziges Mal getragenes Kleid hat plötzlich (Fett)Flecken die vorher nicht aufgefallen sind. Ich verwende sehr viel Energie dafür es mit Gallseife zu bearbeiten: Die Flecken gehen nicht raus.

Ich muss einen OP-Termin ausmachen. Es dauert 3 Anläufe bis das OP-Vorgespräch endlich stattfindet, wir verpassen uns am Telefon ständig. Seitdem habe ich 2x versucht einen Termin zu machen. Ich erreiche nie den zuständigen Arzt. Über die OP selbst vermeide ich nachzudenken.

Nach Monaten betrachte ich mich das erste Mal wieder aufmerksam im Spiegel und möchte einfach nur weinen.

Ich bestelle Hosen. Viele. In mehreren Größen weil ich damit rechne, dass es schwierig wird eine passende zu finden: Sie sind alle zu groß. Ich habe ernsthaft nicht mehr allzu viel Kleidung um damit vor die Tür zu gehen.

Mein Vibrator hat plötzlich einen Wackelkontakt. (Ja.. sorry. Aber auch das ist nicht lustig. Ein neuer kauft sich nicht von selbst.)

Mein Rechner fährt heute früh plötzlich nicht mehr problemlos hoch. Berappelt sich aber. Ich habe Angst, dass er morgen nicht mehr läuft.

Reaktionsschnell fange ich einen Liter Milch auf der herunterfallen will. Dabei verdrehe ich mir den Nacken. Es scheppert laut. Ich habe Schmerzen.

Ein für einen Geburtstag versprochener Kuchen misslingt so dermaßen, dass ich gestehen muss, dass ich keinen mitbringen kann. Es ist mir peinlich.

Mit viel Energie zum Ankauf verpackte Bücher und CDs werden überprüft und die beiden CDs mit dem meisten Wert nicht akzeptiert. Gegen eine Zahlung von 4€ könnte ich sie zurückbekommen. Der Gewinn reduziert sich von 31€ auf 12€.

Es fällt mir schwer dabei irgendwie zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Es scheint kein „Jetzt reicht es langsam mal“ zu geben. Und während man den verbockten Kuchen vllt. noch auf Unaufmerksamkeit zurückführen kann, gibt es für viele der anderen Sachen keine Erklärung. Sie passieren einfach. Vorzugsweise an Tagen, an denen ich eigentlich Spaß hatte. Oder an denen ich mich berappelt hatte. An Tagen an denen ich mich auf irgendwas gefreut habe…

Keine 3 Wochen.

Um mich herum sterben Menschen. In der Welt passieren schlimme Dinge und machen mich traurig. Und doch würde ich so oft am liebsten einfach alles ausschalten. Will keine Wahlergebnisse sehen, will von Flüchtlingen nichts hören, über Brandanschläge nicht nachdenken und einfach nur meine Ruhe haben. Oder wenigstens unkomplizierte, freudige Erlebnisse.

Doch auch Verabredungen sind selten einfach. Die Freundin die mich unbedingt fotografieren möchte und der ich noch nicht vermitteln konnte, dass ich mich zu sehr verabscheue um da auch nur einen Hauch von Freude dran zu empfinden. Die andere Freundin die schon so viele fiese, gemeine und verletzende Dinge gesagt hat, aber dummerweise die einzige ist die mit mir in die Therme gehen würde. Die Beste… für die ich nicht da sein kann… weil ich nicht weiß wie. Weil ich keine Kraft und Energie dafür habe und ihr sowieso nicht auf die Nerven gehen möchte, weil sie genug eigenen Müll hat. Der Typ… über den ich ganze Romane hier verfassen könnte und der sich vermutlich jetzt nicht mal angesprochen fühlt… mich aber einfach ständig in den Wahnsinn treibt. Die Slams die ich gerne sehen würde, aber nicht kann, weil es nicht vereinbar ist mit „nicht so viele Menschen“ und nicht vereinbar mit „mal eben hinfahren“ weil diese verfluchte Haltestelle nicht mehr existiert und alles so viel komplizierter macht.

Sonntag geht es in den Zoo. Ich freue mich da seit Monaten drauf. Eigentlich.

Aber wie freut man sich denn, wenn um einen herum alles kaputt geht? Und man eben nicht Geld und Energie hat um das einfach alles zu ersetzen? Oder vieles einfach nicht ersetzbar ist (Bücher, Tasse)? Wie glaubt man denn an sich und eine Zukunft, wenn man jeden Tag wieder und wieder einen aufs Maul bekommt.

Und dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, dass ich in letzter Zeit ständig abwechselnd von euch träume. Orientierungslos aufwache, einen Moment glücklich bin und dann doch nur wieder merke: Ich bin alleine. Schon lange. Und ich werde es wohl bleiben. 

„Sie müssen einfach durchhalten.“

 

Wie lange?

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