Ich habe mir gerade eine Woche Urlaub verschafft. Das hat mich 3 Anrufe gekostet und im Endeffekt sind es auch nur 6 ganz freie Tage, aber immerhin ist die Verabredung am 7. Tag erst spät Abends und dann auch nicht mal doof, sondern durchaus schön. Und auch die anschließenden 3 Tage werden mit viel Spaß und Freude gefüllt, denn Emsuiko kommt wieder ❤

Urlaub? Wofür brauchst du denn Urlaub? Du hast doch eh die ganze Zeit frei!

Einer der Gründe, wieso ich zögere „Urlaub“ zu sagen und das auch nicht unbedingt freudig meiner Familie erzählen werde. Wir funktionieren nämlich nur gut, solange wir nicht drüber reden… ^^

Ich habe nicht die ganze Zeit freie Zeit. In einer normalen Woche habe ich 2-5 Termine und Verabredungen. Manchmal sind es auch 7. Da war ich dann sehr optimistisch oder sehr doof, oder hatte schlicht keine Wahl. Zu Terminen zähle ich Ärzte, Ämter, Betreuung, Therapeuten, Mieterverein, Gutachter… aber ich zähl auch Verabredungen wie Lesungen, Slams, Freunde, Konzerte.

Aber das ist doch Vergnügen! Das ist Freizeit! Das kannst du doch nicht als „Nicht-Urlaub“ zählen!!!

Natürlich ist das Freizeit. Mehr Freizeit als die Termine. Aber es ist eben auch kein Urlaub. Für mich fühlt sich alles was mit anderen Menschen zu tun hat nicht wie Urlaub an. Es ist immer eine Grundanspannung da. Immer ein „Ich muss mich mit jemandem auseinandersetzen.“ und wenn es nur die Frage ist wie viel meiner Stimmung ich auf denjenigen jetzt einfließen lassen möchte. Als Beispiel nehmen wir doch mal das großartige Konzert am Samstag. Blackout Problems. Es war super. Und auch jetzt 5 Tage später könnte ich die Band in Dauerschleife hören. Es war also – theoretisch – pures Freizeitvergnügen. Aber was ihr (also dieses „große Masse ihr“… nicht alle von euch ;)) nicht seht? Die Arbeit die mein Kopf während der gesamten Zeit leistet, damit das überhaupt möglich ist. Das was bei vielen Menschen einfach als Automatismen abläuft, ist bei mir Arbeit. Und das fängt schon bei harmlosen Dingen an.
Was ziehe ich bloß an? Ich will ja gut aussehen, also vor allem nicht zu dick, und dick sehe ich im Moment quasi immer aus, weil *trommelwirbel* ich es einfach bin… Mehr als je zu vor. Also was ziehe ich an, damit ich mich wohlfühle? Und irgendwie zum Konzert passen muss es auch. Und es ist arschkalt und nass draußen, also auf jeden Fall Jacke, aber ich will nicht für die Garderobe zahlen, also muss ich die Jacke irgendwie unterbringen können, aber Rucksack mitnehmen ist auch doof, der nervt ja dann die ganze Zeit… Wie mach ich das bloß!? Das war diesmal sogar nur ein kleines Drama. Ich hab mich relativ schnell für „bequem & lässig mit ein wenig Ausschnitt & auf jeden Fall Docs <3“ entschieden und meine Jacke kann man zum Glück so klein falten, dass sie in die Umhängetasche passt. Noch nen Pulli drunter, der sich auf die Tasche knoten lässt. Läuft. Zumindest für diesen Anlass. Ich hab mich vergleichsweise kurz echt ätzend gefunden und halt eben nicht so genau in den Spiegel geschaut…  Nachdem das geklärt war dann die nächste schwere Denkbarbeit. Wann fahr ich denn bloß los?!? Ich gehe alleine auf das Konzert, also möchte ich möglichst wenig Zeit dort verbringen. Wenn der Einlass um 19.30 Uhr ist und die Vorgruppe erst um 20.30 Uhr anfängt, dann reicht es ja aus, wenn ich so um 20.20 Uhr da auftauche. Ich will ja auch nicht vorne stehen, gut sehen muss ich auch nicht… Irgendein gemütlicher Randplatz hinten reicht. Zum Glück kenne ich die Location! Denn sonst müsste ich mir noch überlegen wie da wohl die Toiletten sind… und wo das Konzert genau ist… und wo der Eingang ist… und ob ich den auch wirklich sofort finde… und nicht vielleicht doch eher 10-20 Minuten früher da bin, damit ich auch auf jeden Fall weiß wo ich hin muss und mich nicht vielleicht doch noch verlaufe/verfahre … oder was auch immer. Und wie ausführlich ich den Weg dorthin klären müsste! Aber nein, hier kennen wir die Location und können auch den Weg vom Bahnhof zur Halle gut einschätzen. Das wird schon klappen. Und hat auch nur ein ganz klein wenig Energie gekostet. Und wird es jedesmal wieder, wenn ich mich im Laufe des Tages frage „Klappt das wirklich? Hab ich mich da nicht total verplant?“ An so Tagen ist das mit dem Essen noch schwieriger als sowieso schon. Wie mach ich das bloß, damit ich an dem Tag auch irgendwann was esse?! Jetzt am Samstag gab es da auch noch das Angebot einer Burgerkette. Man konnte einen Burger einer Fast-Food-Kette abwracken und dafür einen echt guten Burger gratis bekommen. Unmöglich sich das entgehen zu lassen. Also musste ich planen wann ich beim Burger-Laden sein muss, damit ich in Ruhe essen kann und pünktlich zum Konzert komme. Fahrtechnisch lag das zum Glück auf einem Weg, ich musste also nur die Abfahrtszeit anpassen. Rechnete dann großzügig herum und bekam dann die erste Panik. Omg! Das ist ja Samstagabend! Der Laden ist sicher total voll, wenn ich da um 19 Uhr ankomme. Da gehen doch sicher alle essen! Dann muss ich mich alleine zu fremden Menschen setzen und in der Öffentlichkeit essen! Und ich kann nicht mal durch Witze mit Freunden ablenken, sondern sitze ganz alleine, quasi nackt da muss einen Burger essen! Vielleicht sollte ich doch einfach zu Hause kurz Nudeln kochen. Wenn der Laden zu voll ist, dann kann ich da nicht rein. Dann muss ich dran vorbei. /o\ Ich bin im Endeffekt in diesen – relativ vollen – Laden rein, habe meinen Burger und ein Glas bestellt (freies nachfüllen für 2,50 <3) und tatsächlich einen Platz in einer Ecke mit Wand im Rücken gefunden. Auf einem Barhocker. Oh nein! Ein Hocker! Da sieht mein Hintern doch noch viel fetter aus als sowieso schon. Und erhöht sitzen, da fällt man doch auch voll auf und alle können mich sehen… und oh Gott! Da ist ein Monitor über mir… alle! werden! da! hin! starren! und! mich! sehen! *jaul* Ich musste mich überwinden diesen wirklich guten Burger zu essen während ich ständig das Gefühl hatte angestarrt zu werden. Ich musste die Gedanken, dass man sich jetzt wohl fragt, warum diese ohnehin schon dicke Frau da jetzt alleine sitzt und einen Burger isst, aktiv bekämpfen, damit ich diesen wirklich, wirklich guten Burger genießen konnte. Ich habe versucht nicht daran zu denken, dass ich aussehe als hätte ich keine Freunde. Und nicht nur Freunde mit einem anderen Musikgeschmack. Habe versucht die Angst, dass ich mir den Burger über den Klamotten verteilen könnte, zu ignorieren. Vor ein paar Jahren hätte ich nicht mal mit Freunden in der Öffentlichkeit gegessen. Schon gar keinen Burger ohne Messer und Gabel. Niemals. Also schlich sich ein ganz klein wenig Stolz ein. Ich war da. Alleine. Mit Burger. Und super geilem Eistee. (Burgerista übrigens. Wirklich geil.)
Auf dem Weg zum Konzert kam ich noch an einem Bücherschrank vorbei und brachte ein wirklich mieses Buch weg. Dabei wurde ich angesprochen. Oh nein… wie reagiere ich denn jetzt? Antworte ich auf die Frage.. nett… höflich… abweisend? Und wie beende ich jetzt dieses Gespräch? Zum Glück muss ich ja jetzt zum Konzert. Das ist ein guter Grund zu gehen. Wirklich gut. Ohne diesen Grund, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt und würde vielleicht noch heute da stehen und mich über Bücher unterhalten. Zugegeben nicht das schlechteste Thema… Durch dieses Gespräch wurde es dann doch etwas knapp und ich wiederholte im Kopf immer wieder mantramäßig „Das passt schon. Das passt schon. Du kommst pünktlich. Garantiert. Und wenn nicht… ist nur die Vorgruppe.“ Aber wenn nicht? Was wenn die Uhrzeit falsch ist? Wenn die doch schon angefangen haben!? /o\ Hatten sie natürlich nicht. Ich war pünktlich. Um dann festzustellen: Die Bühne steht tatsächlich vor dem Klo. Die Hälfte meiner Locationkenntnisse waren dahin. Es hat mich sehr, sehr, sehr viel Überwindung und einen detailliert geplanten Dialog gekostet bis ich den Barmann gefragt habe wie das mit den Toiletten heute geklärt ist. Dabei kenne ich ihn – er mich vermutlich nicht – und konnte meiner Frage sogar auch noch eine Alternative anhängen, da ich ja wusste wo die anderen Toiletten sind. Aber ne… die Toiletten hinter der Bühne sind offen. Dafür muss man sich von hinten durch alle Menschen vorne arbeiten, an der Bühne vorbei, durch den Backstagebereich und dann im Backstagebereich Schlange stehen. Auch das hat mich wieder viel Überwindung gekostet. Jeder einzelne Schritt davon. Und ich musste nur aufs Klo! Aber durch Menschen durchdrängeln, offen sichtbar irgendwo herum stehen, im Gedanken die Tasche und das Getränk, dass man am Platz hat stehen lassen… Super entspannend.
Dann das Konzert. Es war wie gesagt großartig. Doch der Sänger hat die dumme – durchaus auch ansprechende – Angewohnheit einfach mal samt Mikro in die Menge zu kommen. Nicht auszudenken, wenn er dabei zu mir gekommen wäre. So textunsicher wie ich bin. Ständiges hinsetzen bei ruhigen Songs… und mein Gedanke dann „Komm ich wieder hoch?“ Hoffentlich reißt die Hose nicht. Ich krieg nen Krampf! Aber wenn ich stehenbleibe, dann sehen mich alle… und irgendwer sagt dann sicher „Hinsetzen!“ und dann stehe ich noch mehr im Mittelpunkt und überhaupt… also lehn ich mich an die Wand und hock mich hin… werd schon wieder hochkommen. Sieht dann vermutlich aus wie nen gestrandeter Wal an Land.. aber was solls…  Warum stellt sich dieses Mädel da jetzt eigentlich fast auf meine Füße, wo sie doch 2 Meter nach vorne Platz hat? Sag ich was? Und wenn ich nichts sage, lass ich mich dann abdrängen oder halte ich das einfach aus? Bleib ich hier stehen? Ist aber echt unangenehm. Aber weiter nach hinten ist der Notausgang und dann steh ich direkt vor der Tür… Das Konzert neigte sich dem Ende zu… ich sah auf die Uhr… googelte Rückfahrten… sah auf die Uhr… Oh nein! Die müssen bald zum Ende kommen! Die letzte Bahn fährt in 30min und ich muss da noch hinlaufen … das ist eh schon doof, weil dunkel… aber wenn ich die nicht kriege, dann muss ich 45min laufen… und das ist ja noch beschissener. Aber ich kann auch nicht früher gehen, weil dann müsste ich da einmal quer durch den Raum. An den Menschen vorbei. Das geht ja nicht. Aber muss sein. Ich muss die Bahn bekommen. Auf jeden Fall. Sie hörten dann exakt so pünktlich auf, dass es ein Leichtes war die Bahn zu bekommen.

Ich war dann um kurz nach 0 Uhr zu Hause. Irgendwann um 2 Uhr im Bett. Und ich habe 3 Stunden lang nicht schlafen können, weil mein Kopf zu voll war. Am Sonntag war ich ziemlich überlastet und müde. Der Samstag war anstrengend. Sehr. Obwohl es „nur“ eine Verabredung mit mir selbst war. Ein super Konzert, auf dass ich mich lange gefreut habe und dass ich so sofort wiederholen würde. Aber es hat viel Kraft und Energie gekostet. Und ich hatte nicht die Zeit um mich davon zu erholen.

Fortsetzung folgt… ^^

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