Dienstag Nacht ist meine letzte geistig anwesende Oma einfach umgekippt, musste sehr lange reanimiert werden und liegt seitdem im (künstlichen) Koma. Im nachhinein sammelten sich die Diagnosen so an. Schlaganfall im Stammhirn, Lungenentzündung, Herzinfarkt. Nichts davon hat mich sehr überrascht. Die Liste der Erkrankungen die seit Jahren bestehen ist endlos gewesen und es wäre eine Lüge, wenn man behaupten würde, dass sie Spaß am Leben hatte. Sie hat halt einfach weiter gemacht. Weil man halt so weitermacht. 

Nur der Zeitpunkt, der war jetzt ein wenig unerwartet. Wie so ein Zeitpunkt immer irgendwie unerwartet ist. Selbst wenn man seit Jahren damit rechnet und alle Prognosen dieser Welt zu Rate zieht. Es kommt immer überraschend. 

Montag soll sie aufgeweckt werden. Mit Magensonde und Luftröhrenschnitt. Als Schwerstpflegefall. Wenn sie dann einen Herzinfarkt haben sollte darf sie gehen. Und ich wünsche es ihr. Und meinem Opa. Der es auch nicht wirklich verdient hat bis an sein Lebensende pflegen zu müssen. Aber sowas darf man ja nicht sagen. Jemanden dem Tod wünschen. Wo kommen wir denn dahin. 

Seit Dienstagabend, denke ich immer wieder an sie. Das ist weitaus mehr als ich sonst so im Jahr an sie denke, denn wir haben weiß Gott kein sonderlich inniges Verhältnis. Und das hat mich persönlich auch nie wirklich gestört. Es ist nicht „meine“ Oma. Meine Oma ist schon viel zu lange dement im Heim und erinnert sich an gar nichts mehr. Es ist quasi die Oma meines Bruders, weil man ja schon irgendwie aufgeteilt wird, wenn man zu zweit ist und so viele Omas und Opas hat.

Mein Bruder sagt, dass er es bereut hat nicht bei Opa Sonne (<3) und dem anderen Opa gewesen zu sein bevor sie starben. Und ich würde so gerne mit ihm tauschen, denn ich war da. Ich habe beide im Heim bzw. im Krankenhaus gesehen. Und ich würde es gerne vergessen. Ich würde auch gerne vergessen, dass ich noch mal bei Oma im Heim war. Und sie nichts mehr mit der Person zu tun hatte, die mich mein ganzes Leben begleitet hat. 

Ob ich meine Mama auch nicht besuchen kommen würde, wenn es so weit ist, fragt sie. Und ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich die guten Mamabilder mit schlechten Mamabildern überspülen wollen würde. Ich werde Bilder nämlich nur sehr schlecht wieder los. Eigentlich gar nicht. 

Wenn meine Familie wüsste wie hartnäckig mich Dinge verfolgen können, dann fänden sie es vielleicht okay. Und würden nicht versuchen mich zu überreden. Dann würden da nicht bald missbilligende Blicke folgen und die unterschwelligen Vorwürfe, dass ich egoistisch bin und die Familie nicht zu schätzen weiß. 

9 Tage bevor sie zusammengebrochen ist hat sie hier angerufen. Und mir zum Geburtstag gratuliert. Nachträglich. Einen Monat zu spät. Und es war ihr peinlich und sie hat sich geschämt. Hat mich zum Essen eingeladen („Das bekommst du irgendwie unter, oder? Ruf nur vorher an, dann mach ich dir dein Lieblingsessen.“) und ich habe sie vertröstet mit dem Renovierungsgedöns und ja auch weil wir uns eigentlich gar nicht so viel zu sagen hatten. Und trotzdem war es das gescheiteste Telefonat dass ich je mit ihr geführt habe. Und es ist eine gute Erinnerung. Finde ich. Ich kann jetzt sagen „Das letzte was wir miteinander gesprochen haben war gut.“ Und das ist so viel mehr als ich bei allen anderen kann. Denn da weiß ich nicht mal mehr was die letzten gewechselten Worte waren.

Dienstag morgen hab ich überlegt, dass es jetzt passen würde. Dass ich sie die Tage mal anrufen könnte und dass ich dann zum Essen hingehen könnte. Dann war ich beschäftigt und Abends kam der Anruf. Kein Essen bei Oma. Nie wieder. Bei keiner Oma mehr, denn sie ist die letzte. Und ich hatte überdurchschnittlich viele. 

Nur weil ich nicht hingehe. Nur weil ich mir die vielen Schläuche nicht anschaue. Nicht sehe wie da alles in sich zusammenfällt und dass da eigentlich nicht mehr wirklich Leben drin ist. Nur weil das so ist, heißt das nicht, dass ich mich nicht damit beschäftige. Oder dass es mir egal ist. Es ist nur einfach kein Thema für das ich auch noch Bilder brauche die sich nicht mehr löschen lasse.

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