Wenn…

… es mir schlecht geht, dann bist immer noch du derjenige an den ich denke. 

Und es sind deine Lieder die ich mir dann anhöre. Und dann geht es mir meistens noch schlechter und wenn ich bis dahin nicht schon geheult habe, dann fange ich es spätestens dann an. 

Weil es mich immer tief trifft. Egal ob wir miteinander reden oder nicht. Ob wir das viel tun oder wenig. Es ist immer derselbe Ablauf. Und es war immer völlig egal weshalb es mir nicht so gut geht.

Das hat in den meisten Fällen nicht mal was mit dir zu tun. Manchmal – so wie jetzt – bin ich auch einfach nur unfassbar wütend. Klicke mich durch bestimmte Lieder bei Youtube. Alleiner – Jupiter Jones. Ich brauche keinen – Massendefekt. Singe, Seufze, Saufe – Broilers. Immer dieselben. Irgendwann, weil ich ja eh dabei bin lande ich wieder bei dir. Und dann heule ich halt. Diesmal eben vor Wut. Und auch die hat gar nicht mal so viel mit dir zu tun. Jetzt gerade. Obwohl ich sicher Gründe finden würde auf dich sauer zu sein. Oder aufs Universum. Aufs Universum geht immer gut. Dann bin ich sauer. Höre dich. Und dann bin ich traurig. Und eigentlich ist es schade, dass mich das immer traurig macht. Und dass es nicht einfach schön ist. Aber so ist das nun mal. Es macht mich traurig. Und es wird vermutlich immer so bleiben.

Einmal. Ja einmal… da dachte ich, dass es mich nicht mehr traurig macht, wenn ich dich einfach lang genug ignoriere. Wenn ich so tue als wärst du nicht da gewesen. Wenn ich sehr, sehr sauer (zu Recht!) auf dich bin und mich da noch ein klein wenig mehr reinsteigere. Aber soll ich dir was sagen? Das hat gar keinen Unterschied gemacht. Überhaupt keinen. Egal wie lange es gedauert hat. Es hat keinen Unterschied gemacht. Du warst genauso präsent wie vorher. 

Manchmal. Da wünsche ich mir, dass du es nicht bist. Nicht derjenige bei dem ich gedanklich irgendwann immer lande. Nicht derjenige dem ich vieles gerne sofort erzählen würde. Aber man kann so viel Zeit halt nicht auslöschen. Also wirst du vermutlich immer genau da in mir bleiben wo du jetzt bist. Und die Liste der Lieder, die ich mit dir verbinde werden immer länger. Keins davon habe ich oben aufgezählt. Keins davon macht mich wütend. Alle machen mich traurig.

Ab und zu… da frage ich mich, ob es an dir liegt. Ob wirklich du der Dreh- und Angelpunkt bist. Oder ob du einfach stellvertretend für all das Chaos stehst. Stellvertretend für all die verpassten Chancen. Und ich weiß es nicht. 

Aber auf jeden Fall machst du den Soundtrack.

 

 

 

(Und nein verehrte Leser… mir ging es nicht die ganze Zeit schlecht. Mir ging es sogar die meiste Zeit ganz okay… aber da hatte ich keine Zeit zu schreiben und jetzt erweckt das ein wenig den Eindruck als ginge es mir nur mies… Hmpf.)

 

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Müde.

Einen Jahresabschluss wollte ich schreiben. Ein hübsches Fazit. So zum Jahresende hin. Seit Tagen nehm ich mir das vor, habe ein paar Fragenkatalog-Vorlagen im Browser offen und tue es dann irgendwie doch nicht… obwohl ich mir mehr Bloggen so sehr vorgenommen habe. 

Seit gestern habe ich wieder Internet. Das hat jetzt 7 Wochen gedauert bis es wieder mein eigenes Internet war… lange hatte ich nur das WLAN vom Nachbarn… und ich hätte jetzt gerne einfach gefeiert und mich daran erfreut, doch im Hinterkopf leuchten da so viele Dinge… mir tut so viel weh.. ich hab so viele Wehwehchen und immer noch eine blöde Hausverwaltung und müsste so viel Papierkram erledigen und dringend mal regelmäßig lernen und die 13 freien Tage waren jetzt auch nicht so entspannend wie sie hätten sein können. Außerdem hab ich ein paar Geldsorgen… die sich irgendwie so angesammelt haben. Hier 30€ für ne spontane Katzenbestellung, weil die die Portogrenze angehoben haben. Da 15€ für nen neuen Lüfter für Lieselotte, die seit der Bestellung wieder einwandfrei funktioniert. Generell irgendwie zu viel Geld für Lebensmittel ausgegeben. 10€ für nen neuen WLan-Stick, weil der alte anfing zu zicken und ich gescheit über die Feiertage kommen wollte. 2x Weihnachtsmarkt mit Tee- und Gewürzkauf. Badminton. Bowling. Stromerhöhung (auf 65€). Vergessen, dass ich nen neues Pillenrezept brauche (34€) Knapp bemessener Januar.

10€ für zwei Veranstaltungen zur Seite gelegt. Und dann noch 13€ für den Rest des Monats übrig. Vorausgesetzt H&M berechnet meine Rate neu. Wenn nicht habe ich am Ende -2€. Ach.. und erwähnte ich schon, dass ich Mama für ne Zahnarztrechnung von 500€ anschnorren muss? Und die dann ab bezahlen. Genauso wie noch 220€ an anderen Schulden. 

Und dann erfahre ich heute, dass ich vielleicht ziemlich Mist gebaut habe. Weil ich ein Formular vor lauter Stress nicht beachtet habe. Und verpeilt habe was es bedeutet. Ich, die sonst alles 5x kontrolliert. Und möglicherweise darf ich dann bald 2 Telefonrechnungen parallel bezahlen. Und das sind dann mal eben 25€ weniger im Monat. Von sowieso schon zu wenig. Dann hätte ich 25€ pro Monat frei zur Verfügung. 25€ für alle Freizeitaktivitäten. 25€ für alles über das lebensnotwendige hinaus. 

Vielleicht steigere ich mich da rein. Vielleicht wird sich das alles regeln. Vielleicht aber auch nicht. Und ich bin einfach müde. So müde. Müde, weil es nie einfach gut ist. Müde, weil ich nicht einmal ein paar Tage sorgenfrei bin. Weil es aktuell (seit Monaten) einfach ständig irgendwo brennt. Ich bin so müde. Und habe völlig vergessen wie es ist sich mal zu freuen. Weil ich gar nicht dazu komme, bevor wieder irgendwas zusammenstürzt.

Schreiben.

„Und was machen sie so um aus dem Grübeln raus zu kommen?“

„Schreiben. Ich schreibe auf. Und wenn ich es aufgeschrieben und aufgelistet habe, dann ist es erst mal weg. Und in mir ist Ruhe und ich bin sortierter und strukturierter.“

Und dann redet er darüber, dass es in diesem Kurs eine Sitzung zum Thema Schreiben gab, er die aber weg gelassen hätte, es aber nachweislich und statistisch belegt ist, dass Schreiben gerade auch bei depressiv Erkrankten helfen kann.

Wir sollen uns selbst beim Denken beobachten und mir wird schwindelig. Zu schwammig. Zu wenig greifbar. Irgendwer sagt „Ein Fass ohne Boden“ und genauso fühlt sich das an. „Was ist beim Schreiben anders?“, fragt er. Und ich erzähle von fließenden Worten und dass sie das auch nur an der Tastatur tun und nicht per Hand, weil ich nicht so schnell mit der Hand schreiben kann wie es fließen möchte. Und dann fange ich an drüber nachzudenken was ich denke und bremse mich und es fühlt sich alles nicht richtig an. Weil diese Kontrollinstanz so selten das Richtige raus kontrolliert und mich viel häufiger einsperrt als mir gut tut.

„Sie konzentrieren sich jetzt mal nur auf sich und ihr Denken, machen nichts und ich sage Begriffe und sie schauen was damit passiert.“ Und dann fängt er an. Und ich schaue meinem Gehirn dabei zu, wie es von normalen Assoziationen zu Wut und Ärger wandelt, wie er nicht schnell genug den nächsten Begriff anbietet und ich in dieser Schleife von Wut und Ärger stecken bleibe. Bis der nächste Begriff kommt. Wir lachen später über die Tier – Scheibe – Ast = Steak Assoziation eines Mitstreiters, während ich bei Scheibe ja bei Pratchett war und bei Tieren bei meinen Katzen und im Endeffekt doch immer wieder bei den ungeklärten Dingen landete.

Wir reden über die Sachen die man akzeptieren muss, weil man sie nicht ändern kann und mich machen die Dinge wütend, die ich ändern könnte, bei denen ich aber passiv in der Ecke rumsitze, obwohl ich doch eindrucksvoll bewiesen habe, dass ich in der Lage bin Dinge zu ändern, wenn ich sie denn nur mal anpacke. Und wenn ich nicht so ganz durcheinander bin.

Aber damit ich nicht durcheinander bin muss ich mich strukturieren und dafür muss ich offensichtlich schreiben. Und wieso genau habe ich exakt das so lange nicht getan…?

Klick.

Klick macht es leise aber bestimmt und in mir legt sich ein Schalter um. Da ist jetzt Distanz in mir. Zwischen uns. Und es überrascht mich nicht. Und ist alt vertraut und bekannt. Früher überrannte mich dieses Gefühl. Unerwarteter. Spontaner. Grundloser. Und damals verstörte es mich und machte mich traurig. Weil ich ja eigentlich so sehr wollte, aber nicht konnte. Jetzt ist es okay. Ich verstehe es. Es ist die Vernunft die hier gegriffen hat. Und es ist nicht traurig, sondern richtig aber auch einfach nur kompliziert. 

Aber kompliziert war es auch vorher schon und vielleicht, nein nicht vielleicht, sondern ganz bestimmt ist diese Kompliziertheit mit ein Grund wieso es plötzlich nach so vielen Monaten Klick macht und ich einfach nur möchte, dass es so bleibt wie es ist. Denn das ist okay. Wirklich voll okay. Für mich.

Ein wenig tut es mir leid und ich hoffe, dass es auch für dich okay ist. Und nicht nur für mich. Aber selbst wenn nicht, dann kann ich nichts daran ändern. Noch nie hat sich das Gefühl wieder geändert, wenn der Schalter erst mal eingerastet ist. Und es ist nicht meine Aufgabe. Es ist nicht meine Aufgabe ein schönes Lebens zu bereiten und dabei selbst nicht 100% zu bekommen. Zu warten und zuzusehen. Zu hoffen. Und eigentlich zu wissen, dass es nicht so wird, wie es sollte.

Das schlechte Gewissen sitzt wimmernd in der Ecke und schaut den Schalter an. Will ihn umstellen. Bettelt ein wenig. Fragt wieso er nicht früher reagiert hat, bekommt keine Antwort und verstummt.

Vielleicht hätte man was sagen sollen. Vielleicht gab es aber auch nichts zu sagen. Weil es im Hinterkopf schon nie passte. Und die Vernunft hätte irgendwann laut gebrüllt. Und dann hätte es weh getan. So richtig. Und nicht nur ein wenig.

Bilder.

Dienstag Nacht ist meine letzte geistig anwesende Oma einfach umgekippt, musste sehr lange reanimiert werden und liegt seitdem im (künstlichen) Koma. Im nachhinein sammelten sich die Diagnosen so an. Schlaganfall im Stammhirn, Lungenentzündung, Herzinfarkt. Nichts davon hat mich sehr überrascht. Die Liste der Erkrankungen die seit Jahren bestehen ist endlos gewesen und es wäre eine Lüge, wenn man behaupten würde, dass sie Spaß am Leben hatte. Sie hat halt einfach weiter gemacht. Weil man halt so weitermacht. 

Nur der Zeitpunkt, der war jetzt ein wenig unerwartet. Wie so ein Zeitpunkt immer irgendwie unerwartet ist. Selbst wenn man seit Jahren damit rechnet und alle Prognosen dieser Welt zu Rate zieht. Es kommt immer überraschend. 

Montag soll sie aufgeweckt werden. Mit Magensonde und Luftröhrenschnitt. Als Schwerstpflegefall. Wenn sie dann einen Herzinfarkt haben sollte darf sie gehen. Und ich wünsche es ihr. Und meinem Opa. Der es auch nicht wirklich verdient hat bis an sein Lebensende pflegen zu müssen. Aber sowas darf man ja nicht sagen. Jemanden dem Tod wünschen. Wo kommen wir denn dahin. 

Seit Dienstagabend, denke ich immer wieder an sie. Das ist weitaus mehr als ich sonst so im Jahr an sie denke, denn wir haben weiß Gott kein sonderlich inniges Verhältnis. Und das hat mich persönlich auch nie wirklich gestört. Es ist nicht „meine“ Oma. Meine Oma ist schon viel zu lange dement im Heim und erinnert sich an gar nichts mehr. Es ist quasi die Oma meines Bruders, weil man ja schon irgendwie aufgeteilt wird, wenn man zu zweit ist und so viele Omas und Opas hat.

Mein Bruder sagt, dass er es bereut hat nicht bei Opa Sonne (<3) und dem anderen Opa gewesen zu sein bevor sie starben. Und ich würde so gerne mit ihm tauschen, denn ich war da. Ich habe beide im Heim bzw. im Krankenhaus gesehen. Und ich würde es gerne vergessen. Ich würde auch gerne vergessen, dass ich noch mal bei Oma im Heim war. Und sie nichts mehr mit der Person zu tun hatte, die mich mein ganzes Leben begleitet hat. 

Ob ich meine Mama auch nicht besuchen kommen würde, wenn es so weit ist, fragt sie. Und ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich die guten Mamabilder mit schlechten Mamabildern überspülen wollen würde. Ich werde Bilder nämlich nur sehr schlecht wieder los. Eigentlich gar nicht. 

Wenn meine Familie wüsste wie hartnäckig mich Dinge verfolgen können, dann fänden sie es vielleicht okay. Und würden nicht versuchen mich zu überreden. Dann würden da nicht bald missbilligende Blicke folgen und die unterschwelligen Vorwürfe, dass ich egoistisch bin und die Familie nicht zu schätzen weiß. 

9 Tage bevor sie zusammengebrochen ist hat sie hier angerufen. Und mir zum Geburtstag gratuliert. Nachträglich. Einen Monat zu spät. Und es war ihr peinlich und sie hat sich geschämt. Hat mich zum Essen eingeladen („Das bekommst du irgendwie unter, oder? Ruf nur vorher an, dann mach ich dir dein Lieblingsessen.“) und ich habe sie vertröstet mit dem Renovierungsgedöns und ja auch weil wir uns eigentlich gar nicht so viel zu sagen hatten. Und trotzdem war es das gescheiteste Telefonat dass ich je mit ihr geführt habe. Und es ist eine gute Erinnerung. Finde ich. Ich kann jetzt sagen „Das letzte was wir miteinander gesprochen haben war gut.“ Und das ist so viel mehr als ich bei allen anderen kann. Denn da weiß ich nicht mal mehr was die letzten gewechselten Worte waren.

Dienstag morgen hab ich überlegt, dass es jetzt passen würde. Dass ich sie die Tage mal anrufen könnte und dass ich dann zum Essen hingehen könnte. Dann war ich beschäftigt und Abends kam der Anruf. Kein Essen bei Oma. Nie wieder. Bei keiner Oma mehr, denn sie ist die letzte. Und ich hatte überdurchschnittlich viele. 

Nur weil ich nicht hingehe. Nur weil ich mir die vielen Schläuche nicht anschaue. Nicht sehe wie da alles in sich zusammenfällt und dass da eigentlich nicht mehr wirklich Leben drin ist. Nur weil das so ist, heißt das nicht, dass ich mich nicht damit beschäftige. Oder dass es mir egal ist. Es ist nur einfach kein Thema für das ich auch noch Bilder brauche die sich nicht mehr löschen lasse.